Die Digitalisierung der Medizin beginnt im Kopf und nicht mit der Technik!

Schluss mit dem Gelaber und den Entschuldigungen. Die Digitalisierung der Medizin ist eine unumgängliche Entwicklung, die wie alle Fortschritte in der Medizin Menschleben verbessert und sogar rettet. Basta!

Immerhin haben wir inzwischen eine landesweite und sogar eine weltweite Diskussion darüber, wie wir diese Entwicklung nun endlich angehen und fördern können. Trotzdem scheint z.B. so etwas wie die Ablösung des analogen Impfpasses durch eine digitale Version ein unlösbares Vorhaben in ferner Zukunft.

Dabei gibt die IT schon lange grünes Licht. Auch die Juristen sind sich inzwischen einig, dass die rechtlichen Themen lösbar sind. Die Politik sieht sich als Opfer der Demokratie und willig ein alle konsensfähigen Wege zu ebnen.

Dennoch ziert sich die Branche und windet sich und verlangt immer wieder die Antwort auf eine Frage:

Was kann die Digitalisierung für mich tun?

Schuldig! Genau in dieser Frage liegt die Ursache für jedes Versagen der Digitalen Medizin. Wie wäre es gewesen, wenn die Branche der Kassettenrekorder diese Frage gestellt hätte? MP3 hätte es schwer gehabt.  Andere Branchen hatten aber keine Wahl diese Frage zu stellen, weil hier die Lobby vom Verbraucher ausging und dieser profitiert von der Digitalisierung. Also gibt es auch Digitalisierung.

Die Medizin jedoch kennt keinen Verbraucher. Die Medizin kennt nur den bevormundeten Patienten. Wenn das Gesundheitssystem dem Patienten einen Kassettenrekorder vorsetzt und auch nur diesen bezahlt, ist das der Standard, den die Branche vorhält und den der Patient schluckt. Eine eigene Lobby hat der Patient nicht. Hier gibt es nur die Lobby der bestehenden Industrie, der Selbstverwaltung der Anbieter und der sonstigen Leistungserbringer. Diese Lobby kann nichts Falsches an Kassettenrekordern erkennen und sie stellt sich die Frage, was die Investition in MP3 bringen soll. Der Patient kommt doch klar.

Da wird sofort klar, dass wir die falsche Frage stellen. Wenn wir die Digitalisierung der Medizin als einen Fortschritt anerkennen, der im Sinne des Patienten unumgänglich ist, dann müssen wir in der Medizin die Frage stellen:

Was kann ich für die Digitalisierung tun?

Wie häufig in der Medizin ist die keine Frage der Technik oder des Rechts. Das ist eine Frage der Ethik. Und diese Frage muss jeder für sich im Kopf und Firmen und Anbieter in Ihrer Unternehmensphilosophie entscheiden.

Im Ergebnis beginnt die Digitalisierung der Medizin mit der richtigen Frage, auf die man Antworten sucht. Diese Frage ist unmittelbar mit der Identität und der Grundeinstellung der Beteiligten verknüpft. Um die Digitalisierung in der Medizin wirklich voran zu bringen, braucht es einen Identitätswechsel bei allen Beteiligten. Ärzte müssen erkennen, dass die Digitalisierung in der Medizin eine unumgängliche Methode ist, um Menschen zu helfen und um als Arzt einen guten Job zu machen. Die Industrie muss erkennen, dass Digitale Identität bedeutet, sich dem Patienten als neuen Entscheider zuzuwenden. Krankenkassen müssen erkennen, dass der bezahlte erste Gesundheitsmarkt seine Grenzen verliert und die Sicherstellung der Versorgung immer und überall mit Hilfe von Gesundheitsdaten stattfinden muss.

Erst wenn aus dieser Perspektive die richtigen Fragen gestellt werden, wird die Entwicklung in der Digitalen Medizin voran kommen. Die Technik, das Recht und auch die Politik sind nur Handlanger, die darauf warten die Antworten auf die richtigen Fragen bereit zu stellen.

Der Autor:

Sebastian Vorberg ist Fachanwalt für Medizinrecht und Partner der Kanzlei Vorberg & Partner in Hamburg. Als Gründer und Vorstandssprecher des Bundesverbands Internetmedizin setzt er sich bereits seit fünf Jahren für den Fortschritt in der Internetmedizin ein. 2017 stellt Rechtsanwalt Vorberg den Beraterkreis „Digital Health Solutions“ zusammen, um die digitalen Strategien und insbesondere die Bildung einer Digitalen Identität bei den Beteiligten im Gesundheitswesen voran zu bringen.

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Geschrieben von am 12. April 2017