IIHC und re-publica: Aufbruch in eine neue Welt

Das Frühjahr ist traditionell Kongresssaison, und auch zum Thema Internetmedizin gab es kürzlich zwei wichtige Veranstaltungen. Den Auftakt machte die „Innovations & Investments in Healthcare“, kurz IIHC, im Hotel Adlon in Berlin. Veranstalter Roman Rittweger, Unternehmensberater und Gründer der Münchner Advisors in Healthcare GmbH, versammelte bereits zum zweiten Mal Unternehmer, Entwickler und Entscheider der Gesundheitsbranche zu einem Symposium, dessen Ziel es ist, Innovatoren und Ideenhaber mit Investoren und Kooperationspartnern zu vernetzen.

Das internationale, bunt gemischte Publikum präsentierte und diskutierte zwei Tage über innovative, größtenteils webbasierte Lösungen die deutlich machen, wie groß mittlerweile die technischen und kreativen Möglichkeiten geworden sind. Aber so groß das Potential, so groß ist auch nach wie vor das Abwehrverhalten der bestehenden Gesundheitssysteme – nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus vielen anderen Ländern berichteten die Teilnehmer, dass ihnen ihre Arbeit oft durch hemmende Gesetze und Regularien, aber auch Abwehrverhalten traditioneller Gesundheitsplayer schwer gemacht wird. Dennoch gab es auch Erfolgsmeldungen – Klaus Juffernbruch, Director Healthcare bei Cisco Systems, berichtete von den positiv verlaufenden Bemühungen seines Unternehmens, eine Strategie für intelligente Netzwerke zu entwickeln. Cisco arbeitet mit mehreren Ministerien daran, Erkenntnisse aus der Analyse von Big Data zu ziehen. Dies würde, so Juffernbruch, die Visualisierung der Daten für Patienten erleichtern. Die Forderung nach Innovationen durch den Patienten würde sich erhöhen und damit gleichzeitig Druck auf die Schnittstellenproblematik ausgelöst werden.

Neben politischen Hürden und nicht kompatiblen Schnittstellen stand vor allem die Forderung nach einer „Humanisierung“ der digitalen Medizin im Vordergrund – denn: Patienten interessiere nur der Outcome, nicht die Technologie.

Innovation braucht Kapital und Talent

Interessante Einblicke bot auch die Diskussionsrunde zum Thema Investment. Halle Tecco hat als Gründerin und CEO des Start-Up Inkubators Rock Health schon vielen guten Ideen ins Leben geholfen. Neben Kapital stellt Rock Health aber vor allem Coaching und eine unternehmerische Infrastruktur, bis hin zu Räumlichkeiten und Telefonanschluß, zur Verfügung. Der Grund, warum Gesundheitswesen und Talent selten zusammenfinden ist aus Sicht von Tecco in den unterschiedlichen Herangehensweisen zu finden – die Gesundheitsbranche ist ein verhältnismässig geschlossenes System, in dem ein Vorankommen meist nur mit einer umfangreichen wissenschaftlichen oder ökonomischen Ausbildung möglich ist. Wirklich innovative Geister hielten sich aber häufig damit nicht auf. Halle Tecco hat sich deshalb mit Rock Health das Ziel gesetzt, Talente aufzuspüren, die normalerweise vom Markt übersehen werden.

Einen andere Anregung hatte Melinda Nicci von Ariadne Capital – um Innovationen ins System zu bringen, sei es unabdingbar, dass etablierte, große Konzerne mit kleinen, meist agileren und innovativeren Unternehmen kooperieren. Man solle dabei sich auch offen zeigen für ganz neue, bisher nicht für möglich gehaltene Zusammensetzungen.

Die Mischung macht’s

Was Offenheit für neue Zusammensetzungen bringen kann, zeigte auch die IIHC selbst, denn bei der Zusammensetzung der Gästeliste schien besonders auf Vielfalt Wert gelegt worden zu sein – nachtaktive Internettüftler trafen auf schneidige Unternehmer und erfahrene Systemlenker. Das Konzept ging auf: In der gediegenen Kulisse des Hotels Adlon entwickelte sich schnell eine lockere und konstruktive Gesprächsatmosphäre zwischen den Teilnehmern des Symposiums. Der Anstoss zum netzwerken war so hoch aufgehängt, dass er sogar zum festen Programmpunkt wurde – beim „Speed-Dating“ fanden die Gesundheitsenthusiasten in zufällig erwürftelten Kombinationen zum Gespräch zusammen.

Rittweger: „Innovation muss sich in Deutschland warm anziehen“

Veranstalter Roman Rittweger zeigte sich im Anschluss zu Recht sehr zufrieden mit seinem Symposium – im Gespräch nannte er uns die Gründe für seine Initiative, Entwickler mit Investoren direkt zu vernetzen: „Die bestehenden ‚Geschäftsbesitzer‘ verteidigen ihre Pfründe mit Klauen und Zähnen und gehen sogar unter Vorwänden gegen Innovation vor. Innovation muss sich in deshalb Deutschland warm anziehen und besonders gut vorbereitet werden.“ Was das schwierige Thema Datenschutz angeht, baut Rittweger nicht auf tatkräftige Mithilfe von Regierungen – er plädiert dafür, eher Ärzte mit an den Hebel zu setzen: „Das System müsste so gebaut werden, dass Ärzte ihren Mehraufwand für den Umgang mit der Technik auch vergütet bekommen und so eine Offenheit entwickeln können, mit der sie erkennen, wie gut wir Daten heute schon schützen können. Außerdem werden sie damit zum Vertrauensgradmesser für den Patienten, der natürlich digitale Medizin besser nutzt, wenn er es von seinem Arzt empfohlen bekommt.“ Auf die Frage ob er glaube, dass der Druck des Patienten letzten Endes den entscheidenden Schub in die Entwicklung geben könnte, sagte uns der Gesundheitsexperte: „Da bin ich zynisch – ich glaube nicht, dass Patienten von sich aus die Leistungen so stark einfordern würden, dass dadurch Druck auf das ganze System ausgeübt wird. Sehr wohl aber könnte es jederzeit passieren, dass jemand mit einem innovativen und leistungsstarken Angebot Patienten für sich mobilisiert. Ein erster Schneeball, der so über den Hand geschoben wird, könnte zur Lawine werden.“

Der Grundstein hierfür könnte durchaus auf einer von Rittwegers Veranstaltungen gelegt werden. Die IIHC ist auf dem besten Wege, sich in Europa zu einer der Top Konferenzen im Bereich digitaler Medizin zu entwickeln. Auch in 2014 wird sie voraussichtlich wieder im gleichen Zeitraum stattfinden.

Analoge vs. Digitale Welt

Ein etwas anderes Parkett bot, ebenfalls in Berlin, die alljährliche re-publica. Im Rahmen von Europa’s größter Internet- und Blogger-Konferenz mit etwa 5.000 Teilnehmern bildet Gesundheit nur ein Nischenthema – der Schwerpunkt liegt hier traditionell eher auf netzpolitischen und gesellschaftsbildenden Inhalten. Die Session von drei Vorstandsmitgliedern des Bundesverband Internetmedizin – Miriam Quentin, Markus Müschenich und Sebastian Vorberg – war dennoch mit etwa 200 Zuhörern gut besucht.

Das durchschnittliche Alter eines re-publica-Besuchers liegt geschätzt bei etwa 30, das Bildungsniveau ist hoch, ebenso wie die Internetaffinität. Erwartungsgemäß ist es bei einer solchen Zielgruppe leichter, sie für das Potential von Internetmedizin zu begeistern – und dafür umso schwerer, die Gründe für eine nach wie vor zögerliche Entwicklung zu vermitteln. Das zeigte auch der Vortrag von Alexander Schachinger, in dem der Graben zwischen Status Quo heute und den sich aufzeigenden Innovationswegen der Zukunft besonders deutlich wurde.

Erfrischend und hoffnungsfroh stimmend hingegend war, wie auch schon in den Jahren zuvor, der Vortrag von Kai Sostmann. Sostmann ist neben seiner Tätigkeit als Kinderarzt an der Berliner Charité auch Leiter des dortigen eLearning Bereichs und somit dafür verantwortlich, dass in einer der größten und traditionsreichsten Kliniken Deutschlands mit dem Thema Internetmedizin offensiv und experimentierfreudig umgegangen wird.

Zeit des Umbruchs

Ein Blick auf die anderen Themen der re-publica offenbart, dass nicht nur im Gesundheitswesen der Clash zwischen alter und neuer Welt immer offensichtlicher wird – und dass es höchste Zeit ist, diese Entwicklung auf politischer Ebene ernster zu nehmen. Auch z. B. das heutige Bildungswesen ist nicht auf eine Welt eingestellt, in der sich Kinder Schulwissen innerhalb kürzester Zeit ergooglen können und sowohl Studenten als auch Auszubildende auf eine Arbeitswelt vorbereitet werden müssen, die ein hohes Maß an Flexibilität und ständiger Neu-Spezialisierung erfordert. Ein Besuch auf der re-publica hilft, eine gewisse Vogelperspektive für das Umbruchzeitalter zu bekommen, in dem wir zur Zeit leben. Dass früher oder später fast jeder Dominostein fällt, also keine Branche und kein Gesellschaftsbereich von den Veränderungen durch das Internet unberührt bleibt, ist mittlerweile mehr als offensichtlich. Die Frage ist dabei immer nur: Wie groß ist der Widerstand und die daraus resultierenden Schäden an alten Strukturen?


Geschrieben von am 30. Mai 2013
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