Erster Fachlehrgang Internetmedizin in Hamburg

Krankheiten mithilfe des Internet vorbeugen, erkennen und behandeln? Für viele scheint das noch eine romantische Vorstellung zu sein, die höchstens als Utopie dienlich sein kann.

Nicht für die Teilnehmer des ersten Fachlehrgangs Manager/-in Internetmedizin. Die waren mit einer wagen Vorstellung und konkreten Fragen der Einladung des Bundesverbands Internetmedizin e.V. gefolgt. Der jetzt erstmals durchgeführte Fachlehrgang Internetmedizin zeigt, dass die Zukunft bereits begonnen hat.

Eine Teilnehmerin ist Ärztin, die bereits eine eigene App einsetzt und Ihren Patienten so eine besondere Form der Anamnsese ermöglicht. Auch dabei Vertreter einer großen, gesetzlichen Krankenversicherung, die bei dem Thema Versorgungsmanagement ins Schwärmen geraten. Schließlich verspricht das Internet mit seinen kooperativen und kollaborativen Eigenschaften einiges, um mithilfe digitaler Vernetzung die Sektorengrenzen zu überwinden. Außerdem eingeladen war eine Studentin, die Ihre Abschlussarbeit mit Blick auf die Arztpraxis 4.0 verfasst und auf dich für das Thema ausgerechnet während eines Praktikums in der Automobilindustrie begeistert. Die Arztpraxis der Zukunft wird eine andere sein.

Warum es diesen Lehrgang Internetmedizin braucht

Internetmedizin kommt und muss in bestehende Strukturen eingebaut werden. Erste Therapien sind schon auf dem Smartphone angekommen. Das Internet bietet die Chance, Medizin neu zu denken.

Der Lehrgang kommt früh. Doch er kommt zur rechten Zeit. Sebastian Vorberg und Dr. Markus Müschenich hatten die Idee, die ersten Erfahrungen im Umgang mit der Medizin aus dem Netz und daraus resultierende Tugenden und Handlungsperspektiven mit den Teilnehmern eines Fachlehrgangs zu teilen. Beide sind Gründungsmitglieder des Bundesverbands Internetmedizin, der als Veranstalter eingeladen hatte. Und beide bringen die nötigen Erfahrungen mit, weil sie die ersten waren, die der Medizin aus dem Netz die wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen gaben, indem sie Anbietern dabei halfen, die Fallstricke im deutschen Gesundheitswesen zu erkennen und zu überwinden.

Angebote wie Caterna, DrEd oder Tinnitracks finden heute Ihre Patienten, die auch Nutzer internetbasierter Applikationen sind. Zwei der drei genannten rechnen Ihre Leistung bereits über gesetzliche Kostenträger ab, was eindrucksvoll zeigt: Da kommt was auf uns zu, das nicht mehr aufzuhalten sein wird, weil es schon da ist.

Der von Leistungserbringung getriebene erste Gesundheitsmarkt macht einen großen Bogen um Schlagwörter wie Digital Health, Health 2.0 oder eben Internetmedizin. Zu weit weg scheinen diese Lösungen vom Alltag in Praxis und Klinik. Im zweiten Gesundheitsmarkt tummeln sich tausende von Apps, die den Alltag der Patienten bereits erobern. Der Bundesverband Internetmedizin e.V. vertritt den Standpunkt, dass es für bestimmte Applikationen nicht ohne Ärzte und Kostenträger geht. Seit dem 01.11.2015 begrüßt der Bundesverband Internetmedizin mit der AOK ein sehr konstruktives neues Mitglied, das sich diesen Themen aktiv annimmt.

Erst jedes vierte Krankenhaus soll über eine digitale Strategie verfügen, postulierte Prof. Heinz Lohmann in einem Facebook Post der letzten Zeit. Auf Nachfrage räumte er ein, es handele sich dabei um Selbsteinschätzungen der Krankenhäuser. Nur so erklärt sich wohl die Zahl, die eingefleischte DigitalHealthWorker mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen haben dürften.

Fragen und noch mehr Fragen

Deshalb gibt es den Fachlehrgang Internetmedizin. Er ermöglicht nicht nur Querdenkern in Organisationen des ersten Gesundheitsmarktes, an Konzepten Strategien mitzuwirken, Entscheidungen vorzubereiten und die mittelfristige Entwicklung im Auge zu behalten.

  • Was bietet eine digitale Strategie für Versorgungseinrichtungen?
  • Wie vertragen sich Lösungen, die über elektronische Gadgets direkt die Patienten erreichen mit einer Schulmedizin und Prozessdenken etablierter Gesunheitsdienstleister?
  • Wie passen internetbasierte Gesundheitsdienstleistungen zur Präsenzkultur einer konservativen Leistungserbringung?
  • Welche Hoffnung bietet sich dem Gesundheitswesen, das unter maximalem Leistungsdruck immer noch das beste für Patienten möchte, doch bei Nutzern des Systems administrativ längst an die Grenzen der Akzeptanz stößt.
  • Kann Inernetmedizin verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen?
  • Wo und wie genau werden die Wege kürzer und welche rechtliche und politische Perspektive muss man einnehmen, um die Diskussion um ein Fernbehandlungsverbot aus dem Jahre 1865 neu zu bewerten?
  • Wie geht Diagnose und Therapie mithilfe des Netzes?

Das sind nur einige Fragen auf die der Fachlehrgang Manager/-in Internetmedizin Antworten gab.

Was kommt, was bleibt

Am Ende der beiden Tage waren alle satt. Nicht nur wegen der familiären Atmosphäre während der Mahlzeiten im Umfeld der maritimen Kulisse Nähe Baumwall. Mit Blick auf die ausgemusterte Cap San Diego bestätigten die Teilnehmer dem Verbandsvorstand, nicht mit dieser Vielfalt an relevanten Informationen gerechnet zu haben.

“Da gibt es für mich viel nachzudenken”, sehe ich eine frisch gebackene Managerin Internetmedizin auf dem Weg zum Bahnhof sinnieren. Offensichtlich kommt man bei der Fülle der denkbaren Möglichkeiten für die Medizin von Morgen ins Schwärmen. Was bleibt? Was wird sich ändern (müssen)? Wer verändert eigentlich?

Die Kommunikation im Zeitalter der Internetmedizin bekam sein eigenes Kapitel in der Agenda des Fachlehrgangs. So gab Julia Richter am ersten Tag einen Einblick, was es heißt, mit dem Thema Internetmedizin vor Vertretern der (Fach-)Presse und im Rahmen der internen Kommunikation zu bestehen.

Wer heute kommuniziert baut Netzwerke

Frank Stratmann (das bin ich!) gab Einblicke, wie Netzwerke sich finden und warum sie wachsen, welche Rolle Communities spielen, wie sich die Systematik in der Kommunikation verändert, auch wenn das die Instrumente der etablierten Öffentlichkeitsarbeit nicht über Nacht in Frage stellt. Die Ausläufer eine tektonischen Machtverschiebung hin zum mündigen Patienten ist nicht neu und macht sich gerade bei Lösungen rund um die Internetmedizin bemerkbar. In 10 Jahren werden wir darüber schmunzeln, wie naiv wir waren.

Das griff zuvor auch @DoktorJohannes auf, der mit frischen Eindrücken aus der Sendung “Notfall Krankenhaus” (@mybritillner) zurück nach Hamburg kam. Für ihn ist der Goldstandard 🙂 digitaler Patientenkommunikation das Video. Er berichtete wie es mit ersten Versuchen begann, Bewegtbild einzusetzen, um das Wissen bei Patienten zu stärken. Heute zeigen erste Studien, wie das Format Video die Gesundheitskompetenz stützen kann. Das Video nutzt einen Wirkstoff, der die Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit der Patienten stimuliert, wenn es z.B. um wichtige Verhaltensinformationen bei chronischer Erkrankungen geht. Video kann wiederholt, ohne Qualitätsverlust in ruhigen Momenten eingesetzt werden, um komplexe Zusammenhänge zu erklären. Wiederholung ist die Mutter der Pädagogik.

Einleitend hatte Dr. Markus Müschenich am ersten Tag deutlich gemacht, wo heute schon Internetmedizin eine Schnittmenge mit der klassischen Medizin bildet. Sein Ausblick auf die Medizin der Zukunft wurde untermauert mit praktischen Beispielen. So wurde klar, dass es sich bei der Vorstellung, Medizin und Internet gingen eines Tages Hand in Hand, nicht um ein Hirngespinst von einigen Techies oder durchgeknallten Visionären handelt. Künstliche Intelligenz beispielsweise wird schon bald die Spielregeln verändern, wie man zu einem medizinischen Ergebnis kommt. Dr. Watson, der Supercomputer von IBM springt dem Arzt zur Seite.

Jemand, der diese Entwicklungen am Ende des zweiten Tages noch einmal aufgriff, war Dr. Alexander Schachinger, der schon vor einiger Zeit die erste Dissertation zum abstrakten Wesen des ePatienten verfasste und jetzt mit neuen Erkenntnissen zum digitalen Gesundheitsmarkt nach Hamburg kam.

Internetmedizin ist keine Blase

Sebastian Vorberg machte am zweiten Tag sehr deutlich, warum es sich bei der Internetmedizin nicht um eine Blase handelt. Eine einfache Erkenntnis wäre. Das Internet macht zunehmend gesund. Ich weiß. In manchem Leser regt sich Unmut. In Anbetracht einer omnipräsenten Diskussion um die schädlichen Ausläufer digitaler Alltagsentfremdung, wirkt es kühn, zu behaupten, das Internet mache gesund. Außerdem wird sich das Internet wohl kaum in Belange der Chirurgie einmischen. Glauben Sie!? Wenn eine Drohne von Deutschland aus weltweit gesteuert werden kann, denken Sie mal über die Operationstechniken der Zukunft nach. Der Arzt aus Australien der in Heidelberg bei einer Operation mitwirkt ist kein Hirngespinst.

Warum Internetmedizin keine Blase ist

Medizin ist die Lehre der Erkennung und der Bekämpfung von gesundheitlichen Einschränkungen und Leiden. die optimale Medizin ergibt sich aus der Schnittmenge des medizinischen Weltwissens und den individuellen Informationen über den gesundheitlichen Zustand des Patienten. Genau das kann die Internetmedizin leisten. Damit bietet die Internetmedizin einen Lebensnutzen für Menschen, der unabhängig von einem Markt ist. Eine Blase entsteht, wo Märkte sich mit einem Hang zum Selbstzweck überbewerten.

Das Internet ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Jetzt geht es um die Ausgestaltung einer Medizin im Zeitalter des Internet.

Übrigens: Das Internet als technologischer Treiber des “Neuen Marktes”, der Ende 2000 zusammenbrach, ist 15 Jahre später nicht verschwunden. Im Gegenteil. Medizin und Internet bewegen sich aufeinander zu.

Zuerst mischt sich die Internetmedizin dort ein, wo das traditionelle Gesundheitswesen heute krank macht. Sei es, weil Therapieverfahren nicht verändert werden (vgl. Erfolge von Caterna, Tinnitracks) oder weil ein organisatorischer Aspekt die Menschen krank hält. Barrieren werden fallen, Zeit und Raum schrumpfen und bisherige Lösungen sehen wir einfach verschwinden, weil für medizinische Beratungen, Diagnose und Therapien der Weg übers Netz vielversprechender wird.

Letzteres zeigte ein Startup aus Dresden am Abend des ersten Lehrgangstages. Ein Labor, das gerade einmal so groß ist wie ein Zauberwürfel wird an vielen Stellen gebraucht. Nicht nur in Dritteweltszenarien, sondern optional auch im smarten Haushalt der Zukunft, wenn die Fernbehandlung so selbstverständlich geworden ist wie stundenlanges Sitzen in Wartezimmern.

Der wichtigste Gesundheitssektor ist unser Alltag. Das Internet ist Teil der Gesellschaft und damit Teil unseres Alltags. Internetmedizin wird sein Nutzenversprechen einlösen. Sie verbindet Patienten und Ihre Ärzte. Internetmedizin verhindert nicht ärztliche Kunst. Sie stützt sie. Ärzte und Ihre Organisationen sind Teil der Geschichte Internetmedizin.

Mit diesem Anspruch, den die meisten Teilnehmer bereits mitbrachten, ihn jetzt aber deutlicher beschreiben und im Sinne Ihrer Unternehmensziele umsetzen können, schloss der erste Fachlehrgang Manager/-in Internetmedizin in Hamburg, der im Frühjahr 2016 eine Neuauflage erfährt. Anmeldungen lassen sich auch jetzt schon über die Geschäftsstelle platzieren.

Fragen zum Fachlehrgang Internetmedizin beantwortet Ihnen gern die Geschäftstelle Bundesverband Internetmedizin e.V. oder der Autor dieses Beitrags. Kommen Sie gern auf uns zu. Gern übers Netz über von Ihnen bevorzugte Kanäle. Vielleicht über Twitter? Folgen Sie uns unter @BIM_HQ oder BIM_Presse.


Geschrieben von am 13. November 2015.


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